ways2go, 4. Ausschreibung (2011)

MOVING

Methodik zur Optimierung von Indoor Leit- und Navigationssystemen

Neben der Funktion als Verkehrsknoten dienen Bahnhöfe immer öfters als Einkaufszentrum. Daraus ergibt sich die anspruchsvolle Aufgabe aus teilweise konkurrierenden farblichen und räumlichen Ordnungsprinzipien ein durchgängiges allgemeinverständliches Leitsystem zu erarbeiten, das lückenlos vorhanden und gut sichtbar ist. In MOVING wird die immersive virtuelle Umgebung DAVE mit Eye-Tracking erweitert und liefert, gestützt durch Fußgängersimulation, eine verbesserte Methodik zur Evaluierung von Leitsystemen. Dadurch können mit hohem Realitätsgrad unter Einbeziehung der späteren BenutzerInnen bereits in der Planungsphase gezielt alternative Szenarien von Informationsbereitstellung getestet, Lücken und Probleme im Leitsystem identifiziert und optimiert werden und noch in den Planungsprozess einfließen.

Immer mehr Bahnhöfe decken verschiedene Funktionen von der Nah- und Fernverkehrsdrehscheibe bis hin zum Einkaufzentrum ab. Dadurch entsteht eine Situation, in der verschiedene Leitsysteme konkurrierende Informationen vermitteln. Für viele Menschen stellt die gesteigerte Komplexität der Verkehrsknotenpunkte eine verstärkte Desorientierung, erhöhte subjektive Unsicherheit und in weiterer Folge eine psychische Mobilitätsbarriere dar.
Diese Aspekte müssen bereits bei der Planung vollständig berücksichtigt werden, da nachträgliche Adaptierungen mit sehr hohen Kosten verbunden sind. Dafür ist es wichtig zu verstehen, wie Menschen mit ihrer Umgebung interagieren und wie unterschiedliche, neue Medien und Informationsinhalte das Orientierungs- und Navigationsverhalten beeinflussen.
In der Gestaltung von Leitsystemen werden derzeit immer noch die gebaute Umgebung, visuelle Leitsysteme und mobile Informationen weitgehend getrennt betrachtet, was nicht mehr den realen Nutzungsgewohnheiten entspricht. Wie diese Entwicklung die Nutzungsmuster beeinflusst und welche Anforderungen sich dadurch für zukünftige Leitsysteme ergeben sind Fragen denen sich MOVING sowohl methodisch als auch inhaltlich nähert.
Ziel von MOVING ist die Entwicklung einer Methode zur Evaluierung von Leitsystemen und Navigationslösungen in öffentlichen Infrastrukturen, vor allem für die Bedürfnisse ortsunkundiger Personen.
Die immersive virtuelle Umgebung DAVE an der TU Graz bietet die Möglichkeit, im Kontext einer komplexen Umgebung Fallstudien alternativer Szenarien von Informationsbereitstellung zu testen. Gerade die Erweiterung der DAVE mit Eye-Tracking eröffnet neue Möglichkeiten zur Gewichtung von Inhalten zwischen den verschiedenen Medien und ihre räumliche Platzierung. Dadurch werden neue Erkenntnisse über die Mehrdimensionalität der Wahrnehmung von Information und aufkommende Nutzungsmuster geliefert und ermöglicht die Entwicklung eines empirisch fundierten Aufmerksamkeitsmodells.
Da Versuche an großen Infrastrukturen in der DAVE dennoch einen signifikanten Zeitaufwand darstellen, muss die empirische Entwicklung von Landmarks sowie die Evaluierung der Lückenlosigkeit der Leitsysteme durch Simulation unterstützt werden. Derzeit vorhandene Simulationsmodelle enthalten lediglich recht grobe Abbildung menschlichen Perzeptionsverhaltens. In dieser Hinsicht dient das Aufmerksamkeitsmodell dazu, die Informationsaufnahme und deren Verarbeitung, sowie Strategien zur Wegfindung in unbekannten Umgebungen zu untersuchen und in Folge ein wesentlich verbessertes kognitives Modell in die Fußgängersimulation zu integrieren. Mithilfe dieses Fußgängersimulationsmodells wird es möglich eine Vielzahl von weiteren Szenarien durchzuspielen, die Informationsbereitstellung für gegebene Landmarks zu evaluieren, und Bereiche mit zu geringer oder fehlender Leitinformation zu identifizieren.
Durch die iterative Vorgehensweise von Testdurchläufen in der virtuellen Umgebung und Simulation bietet es den Planern und Infrastrukturbetreibern eine Methodik, kostengünstig und gezielt Leitsysteme in einer virtuellen realitätsnahen Umgebung unter Einbeziehung der späteren BenutzerInnen und KundInnen zu entwickeln, zu testen und auszuwerten. Durch ein interdisziplinäres sowie multiperspektivisches Vorgehen der eingebundenen Partner werden Grundlagen für Maßnahmen zur Verbesserung ausgearbeitet und evaluiert.
Das abschließende Ergebnis stellt der Leitfaden mit Erkenntnissen aus den Studien und die hieraus ableitbaren Grundsätze der Gebäudeorientierung als Vorgabe diesbezüglicher Regelwerke, sowie die Erweiterung des vorhanden graphischen Standards auf eine mobile Indoor-Navigation dar. Der Leitfaden ist als Hilfestellung für Planer von Leitsystemen als auch für Infrastrukturbetreiber konzipiert. Insbesondere die Projektteilnahme von Architekt DI Ritter, Planer des Leitsystems für den Hauptbahnhof Wien, sowie der ÖBB garantieren die kundenorientierte Ausrichtung des Projekts.

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